Zeche Gibraltar

Welche Bochumer Bürgerin oder welcher Bochumer Bürger hat nicht bereits erholsame Stunden am Kemnader Stausee verbracht? Sei es zur sportlichen Ertüchtigung, für einen Spaziergang oder um sich einen Drink bei schönem Ausblick zu genehmigen. Doch genau dort, wo man sich heute nett hinsetzen, Getränke und Crêpes mit Blick auf den See genießen und sich Ruderboote ausleihen kann, befand sich 1933 ein „wildes“ Konzentrationslager.

Obwohl die Gebäude an der Oveneystraße erst 1922 für die Zeche Gibraltar fertiggestellt worden waren, wurde diese schon 1925 wieder geschlossen, da sich an dem Standort keine Gewinne mehr erzielen ließen. Ein Jahr vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten gingen die Bauten an den „Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten“ und in dem nach dem Reichsvorsitzenden des Stahlhelms, Karl Düsterberg, benannten „Düsterberg-Haus“ wurden nun Arbeitslose im Rahmen des Freiwilligen Arbeitsdienstes beschäftigt.

Ehemaliges Düsterberg-Haus, Foto: Vanessa Schmolke
Repros Standartenschule Gibraltar, Foto: Stadt Bochum, Bildarchiv

Im daneben liegenden Gebäudeteil wurde bis Juni 1933 eine SA-Führerschule unter dem Führer der Bochumer SA, Otto Voß, eingerichtet. Hier sollte nun der Nachwuchs ideologisch geschult werden. Zeitgleich, im Frühjahr und Sommer desselben Jahres, wurden auf dem Gelände jedoch politische Regimegegner, wie Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter, inhaftiert. Unter Misshandlungen und Schwerstarbeit wurden die Gefangenen von der SA wochenlang dazu gedrängt, Geständnisse abzulegen. Das Lager sollte der Umerziehung dienen und somit wurde Gibraltar bald weithin gefürchtet. Dabei wurden die Inhaftierten nicht nur im Gebäude geprügelt, sondern auch in den hinter den Gebäuden liegenden Stollen gezerrt, um dort gefoltert zu werden.

Wann und aus welchen Gründen dieses „wilde“ KZ aufgelöst wurde, ist heute nicht mehr genau bekannt. Einige Zeitzeugen gehen davon aus, dass es bereits im Juni 1933 mit Eröffnung der SA-Führerschule aufgelöst wurde, andere meinen wiederum, dass das Lager bis ins Jahr 1934 bestand. Erst zu Beginn dieses Jahres wurden die KZ im Emsland fertiggestellt, woraufhin die Bochumer Inhaftierten entweder freigelassen oder in die Emslandlager deportiert wurden.

Doch das Bochumer KZ am Stausee zeigte Wirkung auf die restliche Bevölkerung. Die Nazis konnten ihre Herrschaft in Bochum festigen und Regimegegner waren eingeschüchtert.
Heute kann man sich den Eingang des Schachts noch anschauen und die Gebäude wurden zum Teil von der Ruhr-Universität Bochum übernommen. In Gedenken an die Opfer wurde 1983 eine Gedenktafel am ehemaligen „Düsterberg-Haus“ angebracht. Eine weitere Tafel gegenüber des Stollens informiert über die Geschichte der Zeche sowie der Anlage von 1786 bis in die 1980-iger Jahre.

Der ehemalige Schachteingang, Foto: Schmolke
Enthüllung der Gedenktafel, Foto: Stadt Bochum, Bildarchiv
Die Gedenktafel heute, Foto: Schmolke

/Vanessa Schmolke

Weiterführende Literatur:

Bochum, Stadtarchiv: Oveneystraße, unter: https://www.bochum.de/C125830C0038F229/vwContentByKey/W2734C6F441BOLDDE  (Stand: 27.04.2021.)

Wagner, Johannes Volker: Hakenkreuz über Bochum. Machtergreifung und nationalsozialistischer Alltag in einer Revierstadt, 2. Auflage, Bochum 1983.

Zeche Gibraltar am Kemnader See, unter: https://www.kdwupper.de/zeche_gibraltar_am_kemnader_see.html (Stand: 27.04.2021).

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