Josef Anton Gera

Erinnerungskultur ist lebendig und ändert sich stetig. Sie lebt von gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen und oft vom Engagement Einzelner. Formen von Erinnerung werden daher nicht immer von Institutionen getragen, sondern auch von privaten Akteur:innen. Oft bespielen diese Personen die Themen, die sonst in der Erinnerungslandschaft gerne mal untergehen.
Ein Beispiel hierfür ist die gesprayte Benennung des Platzes vor dem Colosseum am Westpark und neben dem Ghotel an der Jahrhunderthalle in Josef-Anton-Gera-Platz.

Der Platz vor dem Colosseum mit Schriftzug "Josef-Anton-Gera-Platz". Foto: Döpp

Josef Anton Gera wurde am 14. Oktober 1997 von den Neonazis Patrick K. und Uwe K. hier auf dem ehemaligen Krupp-Gelände angegriffen und so schwer verletzt, dass er drei Tage später an seinen Verletzungen starb.
Die drei Männer, alle obdachlos, feierten mit zwei weiteren Personen auf dem Gelände. Als Josef Anton Gera sich später als homosexuell herausstellte, griffen die beiden Tätern ihn an und prahlten nachher im Freundeskreis damit, es „einem Schwulen gezeigt“ zu haben. Diesen Aussagen ließen sie noch ein „Sieg Heil“ folgen, so die Staatsanwaltschaft Bochum.

Da man Patrick K. und Uwe K. keine Mitgliedschaft in bekannten rechtsextremen Parteien oder weiteren Gruppen nachweisen konnte, wurden sie nicht als rechtsextreme Täter bezeichnet und dementsprechend die Tat auch nicht als solche registriert. Zur Vermeidung von Berichten über ein „Naziproblem“ Westpark wurde von einer „Milieutat“ unter Obdachlosen gesprochen, die aus einer alkoholisierten Streitigkeit heraus begangen wurde. Letztendlich eine gefährliche Verdrehung der Tatsachen, die zum Whitewashing der Täter und zur weiteren Stigmatisierung von Obdachlosen beiträgt.

Die Dunkelziffer rechtsextremer Gewalttaten Rechtsextremer gerade an Obdachlosen ist wesentlich höher als die offiziell anerkannte Zahl, so die Amadeus-Antonio-Stiftung. Obdachlose werden jedoch häufig Opfer rechter Gewalt – schon während der NS-Zeit wurden sie als „asozial“ betitelt und auch in Konzentrationslager deportiert. Joseph Anton Gera wurde jedoch zum Opfer da er homosexuell war – eine weitere Gruppe die vermehrt mit Anfeindungen und rechter Gewalt konfrontiert und gleichzeitig in der Erinnerungskultur und dem gesellschaftlichen Bewusstsein oft unterrepräsentiert ist.

DIe Gedenkplakette am Westpark. Foto: Sebastian Sellhorst via bodo ev. Klick auf das Bild öffnet Quelle.

Zusätzlich zu der gesprayten Umbenennung des Platzes existiert eine Plakette, schräg gegenüber der ARAL-Tankstelle, die an Josef Anton Gera erinnert. Sein Schicksal ist eines derer, die von institutioneller Seite wenig beachtet werden. Vielmehr sind es lokale antifaschistische Gruppen, die mit aller Kraft versuchen, das Gedenken am Leben zu halten. Ein Zusammenschluss solcher lokaler Gruppen wandte sich nun vor wenigen Tagen mit einem Aufruf an den Bochumer Rat, der auch in diesem diskutiert werden soll:

  1. Wir fordern die Stadt Bochum auf, Josef Anton Gera als Opfer rechtsextremer Gewalt in der jüngeren Geschichte der Stadt anzuerkennen. Gera wird bereits u.a. von der Amadeu Antonia Stiftung als Todesopfer rechtsextremer Gewalt seit 1990 genannt. Die Stadt einen ebenso offensiven Umgang mit der Tat üben.
  2. Zu einem offensiven Umgang mit dieser Tat gehört, dass die Stadt auf der städtischen Homepage über diesen Mord aufklärt und die Rolle des Gerichtsverfahrens, in welchem ein extrem rechten Hintergrund der Tat geleugnet wurde, kritisch hinterfragt werden. Das wäre aus unserer Sicht ein souveräner, offener Umgang mit der lokalen Geschichte.
  3. Gruppen wie das Politcafé Azzoncao dokumentierten den Mord in den 90er Jahren durch akribische Recherche und kritische Prozessbeobachtung. Es waren lokale antifaschistische Gruppierungen, die in den Folgejahren durchgehend an Gera erinnerten und vor elf Jahren am Eingang zum Westpark eine Gedenktafel anbrachten, die an Josef Anton Gera erinnern und als Mahnmal dienen sollte. Wir wollen, dass die Stadt die Gedenktafel anerkennt.
  4. Wir fordern, dass ein Platz in der Innenstadt nach Josef Anton Gera benannt wird. Das wäre ein würdiges Gedenken seitens der Stadt. Unser Vorschlag ist es, den Platz vor dem GHotel an der Alleestraße, den Skater*innen und andere Menschen bei gutem Wetter regelmäßig nutzen, Josef Anton Gera zu widmen. Der Platz hat bislang noch keinen Namen.
  5. Zu einem ernsthaften Umgang mit den Themen Homophobie und rechte Gewalt gehört dazu, Sichtbarkeit und Öffentlichkeit zu schaffen. Wir wollen, dass die Stadt ein offizielles Mahnmal gegen Ausgrenzung und Homophobie installiert. Das könnte auf dem Josef-Anton-Gera-Platz sein oder an einem anderen prominenten Ort in Innenstadtnähe.

Wir rufen Sie als Mitglieder des Stadtrates dazu auf unsere Forderungen auch in den Rat als höchstes politisches Gremium der Stadt zu tragen und diese zu unterstützen.

Treten Sie mit uns gemeinsam dafür ein, dass die Stadt Bochum die Erinnerung an Josef Anton Gera in würdevoller Weise bewahrt und ein Zeichen für Demokratie und Menschenrechte setzt!

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