Zur Bedeutung außerschulischer Lernorte im Geschichtsunterricht unter besonderer Berücksichtigung lokalhistorischer Bezüge

Die frühere Bildungsministerin des Landes Nordrhein-Westfalen Sylvia Löhrmann, betonte im Jahr 2016 im Rahmen der Bildungsmesse ‚didacta‘ die Wichtigkeit außerschulischer Lernorte, indem sie sagte: „An außerschulischen Lernorten wird für Schülerinnen und Schüler Wissen erlebbar“. Die Einbindung außerschulischer Lernorte in die Unterrichtspraktik kommt zwar vor, ist und bleibt in den meisten Schulfächern aber eine Rarität. Die Gründe dafür sind nur allzu offensichtlich – Zeitmangel, Organisationsaufwand, Kosten für Transport und (oftmals auch) Eintritt – schrecken viele Lehrkräfte verständlicherweise ab. 

Diese Problematik ist den angehenden Lehrer*innen in unserer Projektgruppe durchaus bewusst, weshalb es uns auch ein besonderes Anliegen ist, lokalhistorische Inhalte in verschiedenen Formen für den schulischen Wirkungsbereich bereitzustellen. Uns ist bewusst, dass außerschulische Lernorte nicht an die unmittelbare Umgebung der jeweiligen Schulen gebunden sind. Wir möchten aber zeigen, warum gerade für das Thema des Nationalsozialismus im Geschichtsunterricht (Sekundarstufen I und II) außerschulische Lernorte mit lokalhistorischem Bezug besonders erfolgsversprechend sind. Da Vor- und Nachbereitung entsprechend aufwendig sind, empfehlen wir für diese Phasen die Arbeit mit unserer Literatur- und Quellensammlung. Der Zugriff auf die Quellen ist kostenlos, es handelt sich dabei vorrangig um Egodokumente. Die Quellen dokumentieren die, von den Nationalsozialisten gegen die jüdische Bevölkerung, ergriffenen Maßnahmen zur Ausgrenzung und Vernichtung im Zeitraum 1933 bis 1945. Gerade die Auseinandersetzung mit Quellen, die die Erfahrungen und Schicksale von ehemaligen Bewohner*innen ihrer Heimatstadt beschreiben, vermögen es das Interesse der Schülerinnen und Schüler[1] für diese Thematik zu wecken, und ferner Lokalgeschichte in den Klassenraum zu bringen, noch bevor die historischen Lernorte aufgesucht werden. So machen sich die SuS bereits am Lernort Schule mit den Verfasser*innen der Quellen und deren Schicksalen vertraut. Ziel dabei ist es, den Zugang zu den zu besuchenden Orten, sowie die entsprechenden Kontextualisierung für die SuS zu erleichtern. Geschichtsunterricht mit lokalhistorischen Akzentuierungen bringt zudem noch weitere Vorteile mit sich. Bei der Arbeit mit den Quellen – ganz gleich ob in schriftlichen Quellen oder beispielsweise Denkmälern – erleben die SuS vielfache „Aha-Effekte“, etwa wenn Straßen- oder Ortsnamen auftauchen, die ihnen bekannt sind. Auf diese Weise wird sowohl das Interesse, als auch die Intensität der Auseinandersetzung gesteigert. Zeitgleich werden die SuS jedoch auch zu Expert*innen der eigenen Lokalgeschichte: Die Konfrontation mit alltäglichen Orten und Spuren im Stadtbild macht Geschichte nicht nur greifbarer, sondern fördert auf diese Weise auch das generelle Geschichtsbewusstsein der SuS, wenn diese beispielsweise beginnen die Bochumer Erinnerungslandschaft zu hinterfragen.

Mehr zum Thema „Warum außerschulische Lernorte unbedingt in den Geschichtsunterricht gehören“ können Sie hier erfahren (entsprechender Artikel folgt).

[1] Im Folgenden mit SuS abgekürzt.

 
Das Thema des Nationalsozialismus in den Kernlehrplänen für das Fach Geschichte (NRW) der Sekundarstufe I und II

Die hier vorgenommene Einordnung in die Kernlehrpläne des Landes NRW ist bewusst allgemein gehalten. Sämtliche Schulformen der Sekundarstufe I werden hier berücksichtigt. Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf das Fach Geschichte bzw. Gesellschaftslehre (Haupt- und Gesamtschule), allerdings ist eine Einbindung des Angebots in die Fächer Religionslehre und Politik durchaus möglich.

  1. Die Kernlehrpläne sehen vor, dass das Thema „Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg“ obligatorisch einmal im Laufe der Sekundarstufe I behandelt wird. Vor allem die Sach- und Urteilskompetenz der Schülerinnen und Schüler gilt es in diesem Themenfeld zu fördern, wobei der Umfang an zu erwerbenden Kompetenzen abhängig von der jeweiligen Schulform ist. Je nach schulinternen Curriculum wird das Themen- bzw. Inhaltsfeld „Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg“ in Jahrgangs Stufe 9 oder 10 im Unterricht behandelt. Die Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Machtapparat, und die „Maßnahmen, deren Zielsetzungen und ihre Auswirkungen auf Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Andersdenkende, Euthanasieopfer und Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter von Seiten des NS-Staates […]“ sind so, oder in vereinfachter Form für alle Schulformen vorgesehen. Das Fach Gesellschaftslehre sieht außerdem noch eine Reflektion über aktuelle nationalistische Entwicklungen in Deutschland und deren Folgen vor.
  2. In der Sekundarstufe II an Gesamtschulen und Gymnasien ist die erneute Auseinandersetzung mit der Thematik im Fach Geschichte unter dem Inhaltsfeld 5 Die Zeit des Nationalsozialismus – Voraussetzungen, Herrschaftsstrukturen, Nachwirkungen und Deutungen“ gefasst. In der gymnasialen Oberstufe wird dieses Themenfeld, je nach Kursart (Grund-, Leistungs-, oder Ergänzungskurs), unterschiedlich intensiv behandelt. Das ist vor allem der Wochenstundenanzahl geschuldet – während für den LK fünf Stunden Geschichte vorgesehen in der Woche vorgesehen sind, sind es im GK drei, und im Ergänzungskurs, der nur ein Schuljahr belegt wird, zwei, im letzten Halbjahr der Q2 oft nur eine Stunde pro Woche. Wie gerade schon angeklungen, ist das Inhaltsfeld 5 erst für die Qualifikationsphase vorgesehen, üblicherweise im letzten Schuljahr der Jahrgangsstufe 12 (G8 – auslaufend 2021/22) bzw. 13 (G9).
  3. Parallel zu der direkten Einbettung der Thematik in die Anforderungen für die jeweilige Sekundarstufe oder Jahrgansstufe, existieren in den Kernlehrplänen noch übergeordnete Aufgaben des Faches Geschichte, die eine lokalhistorische Auseinandersetzung unterstützen: So soll beispielsweise durch den Geschichtsunterricht auch eine (Mit-)Gestaltungskompetenz vermittelt werden. Diese meint unter anderem auch die kompetente Teilhabe am gesellschaftlichen Umgang mit Geschichte, an der Geschichts- und Erinnerungskultur, sowie eine aktive Mitwirkung und Mitgestaltung des demokratischen Gemeinwesens.

Sowohl für die Sekundarstufe I als auch für die Sekundarstufe II formuliert das Bildungsministerium des Landes NRW Aufgaben und Ziele des Fachs Geschichte, die je nach Schulform ausführlicher und differenzierter formuliert sind. Zentral für sämtliche Schulformen ist aber Entwicklung und Erwerb eines (reflektierten) Geschichtsbewusstseins.

Weiterführende Überlegungen zur Ausbildung des Geschichtsbewusstseins bei Heranwachsenden und die Rolle von lokalhistorischen Zugängen in diesem Zusammenhang folgen.

Einbettung unseres Angebots in die Kernlehrpläne für das Fach Geschichte/ Gesellschaftslehre

Der Nationalsozialismus als Thema im Fach Geschichte/Gesellschaftslehre hat in den Kernlehrplänen des Landes NRW seinen festen Platz. Das Thema birgt viel Potential für den Unterricht in sich, muss aber ebenso eindringlich und sensibel, wie auch altersgerecht vermittelt werden. Einen möglichen Zugang zu dem Thema bietet, wie bereits erwähnt, die Einbettung lokalhistorischer Dokumente und Quellen in den Unterricht. Ziel ist es hierbei, die Auswirkungen der zur Ausgrenzung und Vernichtung ergriffenen Maßnahmen des NS-Regimes gegen verschiedene Bevölkerungsgruppen nachvollziehbarer und zugänglicher zu machen. Lokalhistorische Quellen ermöglichen den SuS einen persönlichen Bezug zu ihrer Heimat herzustellen, und den Nationalsozialismus nicht als abstraktes Konstrukt zu betrachten. Eine weitere Möglichkeit neben der Einbindung lokalhistorischer Quellen in den Unterricht, ist die Erschließung von Erinnerungsorten, die von den Verbrechen des Regimes zeugen, und an die Opfer der Diktatur erinnern.

Unter dem Motto „Lernen durch Erinnern“ möchten wir vor allem historisches Lernen mit lokalhistorischen Bezügen fördern, und die Erinnerung an das düsterste Kapitel in der deutschen Geschichte auch direkt vor unserer Haustür lebendig halten.

Wenn es um außerschulische Lernorte im Zusammenhang mit dem Thema „Nationalsozialismus“ geht, ist der Besuch in einer KZ-Gedenkstätte normalerweise der erste Anlaufpunkt. Hier im Ruhrgebiet wird mit Schulklassen auch häufig die Gedenkstätte ‚Steinwache‘ in Dortmund aufgesucht. Mit SuS ein ehemaliges Konzentrationslager zu besuchen, ist gut und richtig. Uns ist aber auch bewusst, dass es vielen Lehrkräften nicht möglich ist den Besuch in einer KZ-Gedenkstätte ohne weiteres umzusetzen.

Unser Angebot stellt nicht den Anspruch als Ersatz für den Besuch eines solchen Erinnerungsortes zu fungieren. Die von den Nationalsozialisten errichteten Konzentrations- und Vernichtungslager stellen den grausamen Höhepunkt einer ausgefeilten Enteignungs-, Verfolgungs-, und Inhaftierungsmaschinerie dar. „Lernen durch Erinnern“ setzt vor den Verbrechen in den Konzentrationslagern an. Die von uns erarbeiteten Orte sind Wohnhäuser, die von den Nazis zu sogenannten Judenhäusern gemacht wurden, es ist der Nordbahnhof am Ostring, der Ausgangspunkt für die Deportationen in die Lager war, es ist die Alte Synagoge und die jüdische Schule die in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 zerstört wurden. Die hier aufgeführten Stätten beziehen sich nun ausschließlich auf die Geschichte jüdischer Bochumer*innen.

Doch auch abseits der jüdischen Erinnerungsorte, gibt es überall im Bochumer Stadtgebiet Spuren, die an die Zeit des Nationalsozialismus erinnern. Die zahlreichen Zwangsarbeiterlager von denen die im Ruhrgebiet ansässige Industrie profitierte, darunter auch eine Außenstelle des KZs Buchenwald, zeigen auf, dass die Verbrechen des NS-Regimes unmittelbar vor unserer Haustür stattgefunden haben. Diese Erkenntnis ist für das Geschichtsbewusstsein von SuS von größter Bedeutung, und vermag es, ein tieferes Verständnis für die Omnipräsenz des nationalsozialistischen Machtapparats zu fördern. Viele der Orte die wir auf unserer interaktiven Karte sichtbar gemacht haben, befinden sich an prominenten Stellen des öffentlichen Lebens in Bochum, Beispiele sind u.a. der Dr.-Ruer-Platz, aber auch der Stadtpark und die nähere Umgebung. Man passiert diese Orte immer wieder, ohne über deren Geschichte und die Geschichte der Menschen zu reflektieren, die sie geformt und geprägt haben. Die Unterstützung lokalhistorischer Quellen soll Geschichte greifbarer für die SuS machen, so dass diese verstehen, dass der Holocaust kein abstrakter Begriff ist, und grausame Verbrechen meint, die weit entfernt stattgefunden haben, sondern das diese „direkt vor der eigenen Tür“ stattgefunden haben. Die zahlreichen in der interaktiven Karte verzeichneten Orte verdeutlichen zudem die allumfassende Präsenz des Nationalsozialismus: Thematisiert werden beispielsweise nicht nur die Biographien von verfolgten Bochumer*innen, religiöser oder politischer Natur, die Orte der Verfolgung und Verbrechen, sondern auch die Wandelbarkeit bestimmter Institutionen oder Gebäude, die den Charakter des nationalsozialistischen Regimes noch einmal aus einer anderen Perspektive thematisieren.

Neben der Thematisierung verschiedener Perspektiven auf den Nationalsozialismus kann durch die Materialien auch die „Vergangenheitsbewältigung“ fokussiert werden. Die intensive Diskussion über die Bochumer Erinnerungslandschaft fördert die Handlungskompetenz der SuS insofern, als dass diese lernen, sich für oder gegen die Teilnahme an Formen der Erinnerungskultur zu entscheiden, und möglicherweise auch mit eigenen Beiträgen an der Gestaltung dieser teilzunehmen.

Wie kann unser Angebot konkret für den Geschichtsunterricht genutzt werden?

Auf unserer Website bieten wir Führungen mit thematischen Schwerpunkten an, die kostenlos als PDF-Dateien abgerufen werden können. Ferner haben wir diese Führungen zielgruppengerecht für SuS in der App biparcours (gratis für Apple und Android), die auch mit dem Ministerium für Schule und Bildung NRW kooperiert, aufbereitet. Die Führungen bieten Lehrkräften die Gelegenheit ohne großen Organisationsaufwand historische Orte und Erinnerungsstätten in Bochum mit ihren Lerngruppen zu erkunden. Wir haben bei der Gestaltung besonders darauf geachtet, dass die Orte gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln und zu Fuß zu erreichen sind, und, dass keine Eintrittspreise anfallen. Durch die über 550 verzeichneten Orte in der interaktiven Karte können Lehrer*innen jedoch auch schnell eigene „Führungen“ auf der Grundlage unserer Informationen erstellen und ihre SuS auf kleinere oder spezifischere Forschungsaufträge schicken.

Historisches Lernen mit Lebensweltbezug unabhängig, abseits von Museen und Ausstellungen!