Nationalsozialismus und Holocaust – ein Thema für den inklusiven Sachunterricht?

Ähnlich wie für die Sekundarstufe I und II hat der Bereich der „Außerschulischen Lernorte“ auch für den Sachunterricht in der Grundschule eine große Bedeutung. „Außerschulische Lernorte“ bieten vielfältige andersartige Lernmöglichkeiten und motivieren Kinder in großem Maße. Speziell der Sachunterricht, welcher sich mit der konkreten Lebenswelt der Kinder beschäftigt, benötigt entsprechend „Außerschulische Lernorte“.

Die Diskussion über die Behandlung des Nationalsozialismus, und damit verbunden die Auseinandersetzung mit dem Holocaust innerhalb des Sachunterrichts in der Grundschule ist schon lange vorhanden und hat bereits viele Veröffentlichungen von didaktischer Seite aber auch aus anderen Perspektiven hinter sich. Eine kurze Zusammenfassung über die Diskussion findet sich unter anderem im Artikel „Sachunterricht und frühes historisches Lernen überjüdische Geschichte, Nationalsozialismus und den Holocaust – Entwicklung einer Diskussion“ von Detlef Pech aus dem Jahre 2012. Pech beschreibt die bisherige Diskussion und formuliert ebenso offene Fragen und Probleme (vgl. Pech 2012, S. 14ff.).Dabei unterstreicht er die zentrale Bedeutung einer eigenen ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Judentum außerhalb des Holocausts, um keine nationalsozialistischen Konstrukte zu bedienen (vgl. ebd., S. 21f.). Diese intensive Auseinandersetzung, auch mit sich selbst, ist bei einem solchen Thema in alle Richtungen Voraussetzung und unbedingt notwendig. Das Heft „Kinder und Zeitgeschichte: Jüdische Geschichte und Gegenwart, Nationalsozialismus und Antisemitismus“ sowie das Heft „Möglichkeiten und Relevanz der Auseinandersetzung mit dem Holocaust im Sachunterricht der Grundschule“ bieten eine solche intensive Auseinandersetzung mit dem Thema und können für die eigene Orientierung sowie für spezielle didaktische Fragen zu Rate gezogen werden.

Im erstgenannten Heft setzt sich Waltraud Schreiber mit dem Potenzial von Grundschüler*innen aus geschichtsdidaktischer Sicht auseinander und stellt aus eigenen Erfahrungen sowie basierend auf ersten Studien heraus, dass in der Lebenswelt derGrundschulkinder die Themen Nationalsozialismus, Antisemitismus und der Holocaust auftauchen und präsent sind (vgl. Schreiber 2012, S. 28). Aufgrund dessen formuliert Schreiber für die Lehrkräfte der Grundschule folgende Aufgabe:

„Die Herausforderung für die Lehrkräfte besteht in der bewussten und gezielten Auswahl der Fragestellungen und der Themen. Mit jungen Lernern an NS-Themen weiterzuarbeiten, auf die sie sich, weil sie in ihrer Lebenswelt präsent sind, bereits einen Reim gemacht haben, ist nicht nur sinnvoll, sondern notwendig, um Verkürzungen und Fehlkonzepte nicht zu verfestigen.“ Notwendig ist deshalb zugleich eine gezielte und wohlüberlegte Kontextualisierung (vgl. ebd., S.30)

Erinnerungsorte als außerschulische Lernorte für den inklusiven Sachunterricht

Dem Sachunterricht der Grundschule ist eine Orientierung an der Lebenswelt der Kinder zentral. Die Kinder sollen ihre eigene Umwelt aus vielfältigen Perspektiven erschließen. Wie unsere Karte anschaulich zeigt, finden sich im Raum Bochum eine Vielzahl an Erinnerungsorten, die somit der Lebenswelt vieler und letztendlich aller Kinder immanent sind. Toni Simon (2015) verweist in Bezug auf Erinnerungsorte und Gedenkstätten in der Nähe von Grundschulen auf deren großes Potenzial für den inklusiven Sachunterricht. Finden sich solche Orte in der Nähe von Grundschulen sei eine Auseinandersetzung aus vielfältigen Perspektiven wichtig und notwendig (vgl. Simon 2015, S. 6). Diese Erinnerungsorte können natürlich unter anderem aus einer historischen Perspektive heraus betrachtet werden. Erinnerungsorte bieten zahlreiche Möglichkeiten perspektivbezogene Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen der historischen Perspektive zu fördern und perspektivbezogene Themenbereiche abzudecken. Mithilfe eines Erinnerungsortes können erste historische Fragestellungen gestellt und ein Umgang mit historischen Quellen und Darstellungen angebahnt werden (vgl. GDSU 2013, S.57). Weitergehend kann sich auch bereits mit historischen Fragen in Bezug auf die historische Erzählung beschäftigt werden (vgl. ebd.). Die Möglichkeit einer Umsetzung zum Erschließen der verschiedenen perspektivbezogenen Denk-, Arbeits- und Handlungsweisen führt dazu, dass sich eine Auseinandersetzung auch innerhalb des Perspektivrahmens und weiterführend auch im Lehrplan des Land NRWs, in dem Gedenkstätten explizit aufgeführt sind, verorten lässt.Schreiber (2012) verweist beispielsweise im Umgang mit Denkmälern und Gedenkstätten auf die spezifische Bedeutung von Erinnerungsorten, die die verschiedenen Dimensionen des Geschichtsbewusstseins umspannen und somit auch thematisiert werden sollten (vgl. Schreiber 2012, S.31). Ebenso schlägt sie vor, sich grundsätzlich mit dem Konzept einer Gedenkstätte zu befassen und dies innerhalb eines Unterrichts zu thematisieren. Außerdem unterbreitet sie den Vorschlag anhand von Stolpersteinen individuelle Schicksale zu untersuchen und darüber hinausin die Zeiten eines friedlichen Zusammenlebens zurückzugehen sowie gleichzeitig Verbindungen zum aktuellem kulturellen jüdischen Leben zu finden (vgl. ebd., S. 31, 35).Toni Simon (2015) setzt sich in seinem Artikel konkret mit dem im Sachunterricht zurecht kritisch betrachten Konstrukt und Begriff der „Heimat“ auseinander und zeigt auch hier erste Ideen und Verweise für die unterrichtliche Praxis auf (vgl. Simon 2015, S. 7f.). Weitere unterrichtspraktische Ideen lassen sich den beiden erwähnten Heften entnehmen.

Herausforderungen für einen inklusiven Sachunterricht

Für die Umsetzung von inklusiven Sachunterrichtsangeboten scheint speziell die Komplexität des Themas nochmals herausfordernd. Simon (2015) verweist im Sinne eines inklusiven Sachunterrichts hier auf Simone Seitz (2005, 2008) und deren didaktische Prinzipien. Zudem lässt sich für eine grundlegende didaktische Orientierung auch mit den inklusionsdidaktischen Netzen von Kahlert und Heimlich (2014) arbeiten, um weiterführende Ideen für den eigenen Unterricht zu erhalten. Praktische und konkret fassbare Varianten können verschiedene Zugänge und Vereinfachungen bieten. So lassen sich Texte in Leichte Sprache übersetzen oder Szenische Verfahren (Standbilder, Theater etc.) für das Verständnis von Vorgängen und Gefühlslagen nutzen. Ebenso könnenauditive Elemente (z.B. AnyBookReader) oder andere Veranschaulichungen (z.B. Fotos) für alternative Zugänge verwendet werden. So lassen sich mittlerweile eine Vielzahl an Bilderbüchern (z.B. „Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin“) oder auch Filmen (z.B. „Der Krieg und ich“) finden, mit denen gearbeitet werden kann. Einen basalen Zugang bringt das Konzept der mehr-Sinn-Geschichtenvon Barbara Fornefeld mit. Fornefelds eigentlich literarischer Ansatz wird ebenso auch bereits in Museen verwendet und ließe sich hier auch individuell von höheren Jahrgangsstufen in einem Gemeinsamen Lernen erarbeiten. Sogenannte mehr-Sinn-Geschichten ermöglichen ein Verständnis von Literatur oder Geschehnissen, indem sie grundlegende Erfahrungen über die Sinne ermöglichen.

Weitere Materialien und Quellen:

Allgemeine Darstellungen

  • Enzenbach, Isabel / Pech, Detlef / Klätte, Christina (Hrsg.) (2012): Kinder und Zeitgeschichte. Jüdische Geschichte und Gegenwart, Nationalsozialismus und Antisemitismus. Beiheft 8. https://www.widerstreit-sachunterricht.de/beihefte/beiheft8/beiheft8.pdf.

  • Fornefeld, Barbara (2018): mehr ¬ Sinn® Geschichten erzählen, erleben und verstehen. In: Maul, Bärbel / Röhlke, Cornelia (Hrsg.): Museum und Inklusion. Kreative Wege zur kulturellen Teilhabe, S. 73-83.

  • Gesellschaft für Didaktik des Sachunterrichts (2013): Perspektivrahmen Sachunterricht. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Klinkhardt.

  • Kahlert, Joachim/Heimlich, Ulrich (2014): Inklusion in Schule und Unterricht. Wege zur Bildung für alle. 2. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer Verlag.

  • Pech, Detlef / Rauterberg, Marcus / Stoklas, Kataharina (Hrsg.) (2006): Möglichkeiten und Relevanz der Auseinandersetzung mit dem Holocaust im Sachunterricht der Grundschule. Beiheft 3. https://www.widerstreit-sachunterricht.de.

  • Pech, Detlef (2012): Sachunterricht und frühes historisches Lernen überjüdische Geschichte, Nationalsozialismus und den Holocaust – Entwicklung einer Diskussion. In: Enzenbach, Isabel / Pech, Detlef / Klätte, Christina (Hrsg.): Kinder und Zeitgeschichte. Jüdische Geschichte und Gegenwart, Nationalsozialismus und Antisemitismus, S. 13-24.

  • Popp, Susanne: Geschichtsdidaktische Überlegungen zum Gedenkstättenbesuch mit Schulklassen, in: Historische Sozialkunde. Geschichte – Fachdidaktik – Politische Bildung 33, H. 4 (2003), S. 10-16. https://www.erinnern.at/gedaechtnisorte-gedenkstaetten/gedenkstatten/537_Popp%2C%20Geschichtsdidaktische%20Uberlegungen.pdf/view.

  • Schreiber, Waltraud (2012): Das Potenzial von Grundschülern aus geschichtsdidaktischer Sicht. In: Enzenbach, Isabel / Pech, Detlef / Klätte, Christina (Hrsg.): Kinder und Zeitgeschichte. Jüdische Geschichte und Gegenwart, Nationalsozialismus und Antisemitismus, S. 13-24.

  • Seitz, Simone (2005): Zeit für inklusiven Sachunterricht. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

  • Seitz, Simone (2008): Leitlinien didaktischen Handelns. In: Zeitschrift für Heilpädagogik, Heft 6, S. 226-233

  • Simon, Toni (2015): ‚Heimat‘ im inklusiven Sachunterricht am Beispiel des Lernens in Gedenkstätten. In: widerstreit-sachunterricht.de, Nr. 21, S. 1-10.

  • Simon, Toni, Pech, Detlef (2015): Gedenkstätten- (K)Ein außerschulischer Lernort für die Grundschule? In: Karpa, Dietrich / Lübbecke / Gwendolin / Adam, Bastian (Hrsg.): Außerschulische Lernorte. Theorie, Praxis und Erforschung außerschulischer Lerngelegenheiten. Immenhausen.

Film

Studien zum Vorwissen von historischen Vorstellungen von Kindern im Grundschulalter

  • Becher, Andrea (2009): Die Zeit des Holocaust in Vorstellungen von Grundschulkindern. Eine empirische Untersuchung im Kontext von Holocaust Education, Oldenburg. (Beiträge zur Didaktischen Rekonstruktion, Bd.25)

  • Flügel, Alexandra (2009): “Kinder können das auch schon mal wissen…“: Nationalsozialismus und Holocaust im Spiegel kindlicher Reflexions- und Kommunikationsprozesse. Budrich UniPress.

  • Hanfland, Vera (2008): Holocaust – ein Thema für die Grundschule?: Eine empirische Untersuchung zum Geschichtsbewusstsein von Viertklässlern. LIT.

  • Kübler, Markus (2018): Zeit, Dauer und Wandel verstehen – Geschichte und Geschichten unterscheiden – Historisches Denken bei 4- bis 11-jährigen Kindern. In: Adamina, Marco/ Kübler, Markus/Kalcsics, Katharina/Bietenhard, Sophia/Engeli, Eva (Hrsg.): „Wie ich mir das denke und vorstelle…“. Vorstellungen von Schülerinnen und Schülern zu Lerngegenständen des Sachunterrichts und des Fachbereichs Natur, Mensch und Gesellschaft. Bad Heilbrunn: Verlag Julius Kinkhardt, S. 231-252.

  • Pape, Monika (2008): Geschichtsbewusstsein im Grundschulalter: eine empirische Studie. http://www.widerstreit-sachunterricht.de.