Der Bürgersteig an der Ecke Bergstraße/Am Alten Stadtpark 67 umschließt einen Stolperstein: „Hier wohnte Dr. Wilhelm Hünnebeck Jg. 1897/verhaftet 1940/verurteilt §175/Gefängnis Bochum/ Doktortitel aberkannt 19.6.1941/1945 überlebt“. Es handelt sich um einen ehemaligen Rechtsanwalt, der ab Mai 1925 am Amts- und Landgericht Bochum tätig war und während des Nationalsozialismus aus zweierlei Gründen verfolgt wurde.

Wilhelm Hünnebeck wurde am 31. Oktober 1897 in Bochum geboren und er lebte mit seiner Familie in der Villa Hünnebeck in der Wilhelmstr. 17 (heute Huestr. 21-25). Diese wurde jedoch 1924 abgerissen und heute befindet sich dort die Interbay Commercial GmbH und ein Rechtsanwalt.

Dr. Wilhelm Hünnbeck, 1945. Foto: Schneider, Hubert/Schmidt, Susanne/Wenke, Jürgen: Leben im Abseits.

Wilhelms Eltern waren wohlhabende Bürger. Sein Vater Otto Hünnebeck war Justizrat, Rechtsanwalt und Notar und seine Mutter Agnes, geborene Sutro, entstammte einer jüdischen Familie, die auf Grund ihres Bemühens um die jüdische Emanzipation in ganz Westfalen bekannt war. Da Otto jedoch evangelisch und damit nichtjüdisch war, galt ihre Ehe ab 1933 als sogenannte „Mischehe“ und Wilhelm folglich als sogenannter „Mischling“. Doch auch Wilhelm sollte in den zwanziger Jahren zu einer Bochumer Persönlichkeit aufsteigen, nachdem er freiwillig im Ersten Weltkrieg seinen Dienst versah und im Anschluss Rechtswissenschaften in Tübingen und Münster studierte, welches er mit dem Doktor jur. am 17. November 1922 in Göttingen beendete. Ab 1932 war er als Notar in seiner Kanzlei in der Humboldstr. 24 tätig.

Villa Hünnebeck (vorne rechts) um 1914. Foto Schneider et. al.: Leben im Abseits

Schon bereits während der Weimarer Republik wurde Homosexualität als “Makel” angesehen und führte zur gesellschaftlichen Ächtung. Um sein Leben als Anwalt und Notar führen zu können, musste Wilhelm seine Homosexualität geheim halten. Folglich vermied er das Kennenlernen von anderen Männern und umging die wenigen Treffpunkte in der Innenstadt für Homosexuelle. Er blieb Junggeselle und lebte mit seiner Schwester zusammen im Haus Kaiserring 39, heute Ecke Bergstraße/Am Alten Stadtpark 67.

Das heutige Wohnhaus, vor dem der Stolperstein liegt. Foto: Vanessa Schmolke

Seit 1872 verbot der Paragraph 175 gleichgeschlechtliche Liebe und stellte sie unter Strafe. Zu einer Verurteilung konnte es jedoch erst kommen, wenn sexuelle Handlungen nachgewiesen wurden, was sich als schwierig erwies. Ab 1935 verschärften die Nazis dieses Gesetz, indem bereits Blicke zwischen zwei Männern ausreichten, um sie für drei Monate bis hin zu zehn Jahren zu inhaftieren.

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde Hünnebeck seine Ausübung als Notar verboten auf Grund seiner jüdischen Herkunft mütterlicherseits. Als Anwalt vertrat er überwiegend nichtjüdische Klienten, die sich daraufhin von ihm abwandten. 

Im Mai 1939 warf ihm der Landgerichtspräsident Vacano Amtsmissbrauch vor, da er immer noch für Juden arbeitete und im April desselben Jahres wurde Hünnebeck von einer Frau angezeigt, da er eine sexuelle Beziehung zu einer Jüdin unterhielte. Letzteres wies er von sich. Im darauffolgenden Jahr wurde ihm die sexuelle Belästigung zweier Männer unterstellt, woraufhin seine Inhaftierung erfolgte. Zu diesem Zeitpunkt befand er sich in Dresden, da er auf Grund eines Nervenzusammenbruchs behandelt wurde. Dr. Wilhelm Hünnebeck wurde als „Halbjude“ ausgegrenzt und nun kam die Verfolgung durch §175 hinzu. Dies reichte aus, um sein Ansehen und seinen Ruf zu zerstören.

Indem er nun offiziell als Rechtsanwalt und Notar zurücktrat, wurde die ersten beiden Vorwürfe gegen ihn fallengelassen. Nach dreimonatiger Untersuchungshaft wurde er im Oktober 1940 zu fünf Monaten Haft als „Sittlichkeitsverbrecher“ im Rahmen des §175 verurteilt. Zu Beginn des nächsten Jahres wurde ihm auf Grund dessen sein Doktortitel von der Universität Göttingen entzogen. 
Daraufhin verließ Wilhelm Bochum zusammen mit seiner Schwester und begann ein neues Leben in Berlin in einem Ostelbischen Braunkohlesyndikat. Da er hier jedoch im Juni 1942 der Onanie mit einem anderen Mann bezichtigt wurde, wurde er im Gefängnis Berlin-Moabit inhaftiert. Seine Schwester erlangte seine Freilassung. Doch im Herbst desselben Jahres fand die Hauptverhandlung zur Anklage statt, woraufhin sich Hünnebeck bis Kriegsende verbarg, um der KZ-Haft zu entgehen.

Stolperstein für Wilhelm Hünnbeck, Foto: Schmolke

Nach Kriegsende heiratete er eine Frau, die er in Berlin kennengelernt hatte. §175 wurde bis 1969 in dieser Form beibehalten und weiter ausgeführt; erst 1994 wurde er aufgehoben. Hünnebeck arbeitete wieder als Anwalt und Notar und Ende 1948 wurde die Aberkennung seines Doktortitels wieder aufgehoben, allerdings nicht wegen der Verfolgung als Homosexueller, sondern der des „Mischlings“. Noch 1956 wurde er erneut der Homosexualität angeklagt und wurde zu neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Dr. Wilhelm Hünnebeck verstarb 1976 in Hamburg.

/Vanessa Schmolke

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